Logo von einfach behalten, Kopfprofil mit spiralisierendem Haar

Digitale Demenz – macht uns zu viel “Wischen” dumm?

Gehirnmodell neben dem Smartphone

22.07.2021

Ganz ehrlich, kennst du deine Telefonnummer auswendig oder die Angehöriger, Partner oder deiner Kinder? Erinnerst du dich an Zugangsdaten und Passwörter oder an den Inhalt deiner letzten Google-Suche?
Wenn du wissen willst, was Digitale Demenz ist, ob du davon betroffen bist und was du dagegen tun kannst, dann lies einfach weiter.

Mit einem Wisch ist alles drin – nur nicht im Gedächtnis.

Mit einem Wisch ist alles drin – nämlich in deinem Smartphone. Informationen werden mit einem Fingerwisch oder dem Drücken weniger Tasten darin gespeichert. In unserer zunehmend hypervernetzten Welt wird die Abhängigkeit von digitalen Geräten ganz selbstverständlich, da immer mehr Informationen zugänglich sein sollen: Passwörter, Zugangsdaten, Telefonnummern, Ereignisse im Kalender, PIN-Nummern, Geburtstage- und Feiertage, Urlaube und so weiter. Ist es da nicht eine logische Konsequenz, dass wir uns nicht alles merken können, selbst wenn wir wollten?

Das Gedächtnis einfach auslagern

Ist es tatsächlich so einfach? Mit der Technik wird es uns einfach gemacht, jeder Zeit an unsere Informationen zu gelangen. Mit wenigen Wischs ist alles da was wir brauchen: Telefonnummern, Adressen und wir können schnell herausfinden, wer Fußballweltmeister 1987 war, wieviel Gramm 5 oz sind oder schauen, in welche Richtung sich das nächste Kino befindet.

Menschen verlassen sich mittlerweile auf ihre Geräte (solange sie auch gute Erfahrung damit gemacht haben). Dementsprechend lagern sie also diesen Teil des Gedächtnisses aus. Das bedeutet für das Gehirn, dass diese Informationen irrelavant werden (weil sie auch nicht mehr abgerufen werden) und die Verknüpfungen zwischen den Nervenzellen werden abgebaut, denn was nicht mehr gebraucht wird, wird eingestellt.

Das heißt dann doch, dass wir unseren Geist dazu ermutigen Informationen zu löschen, wenn wir sie extern speichern, sprich uns weniger merken. Wissenschaftler nennen dieses Phänomen Digitale Demenz bzw. Digitale Amnesie. Heißt das dann, dass die Menschen früher schlauer waren, weil sie sich alles gemerkt haben?

Sind wir nun dümmer?

Der Neurowissenschaftler und Psychiater Manfred Spitzer hat die Debatte um die Digitale Demenz neu entfacht und behauptet, dass durch die vermehrte Nutzung digitaler Medien die Lernfähigkeit bei Kindern und Jugendlichen vermindert wird, so dass sie ihren potentiellen IQ nicht erreichen. Auch Erwachsene zeigen einen beschleunigten Verfall mentaler und sozialer Kompetenzen, denn es wird immer weniger Hirnarbeit geleistet. Spitzers Auffassung wird in der Fachwelt kritisch diskutiert. Es gibt (noch) keine wissenschaftlich signifikanten Belege für seine Theorien.

Deutlich wird durch eine weltweite Untersuchung durch das Kaspersky Lab, dass wir uns weniger merken. Mehr als die Hälfte der befragten erwachsenen Europäer können sich nicht an die Telefonnummern ihrer Kinder oder ihres Büros erinnern (in den USA sind es 82%) . Sie mussten in ihr Mobiltelefon schauen. Etwa ein Drittel konnte sich die Nummer des Partners nicht merken.

Sind wir von digitalen Speichern abhängig?

Menschen geben zu, dass sie vom Internet und von den digitalen Geräten als Werkzeug zum Erinnern und als Erweiterung ihres Gehirns abhängig sind.
Nicht nur der interne Speicher des Smartphones nimmt unserem Gedächtnis Arbeit ab, sondern auch der externe Speicher, nämlich indem Informationen durch das jederzeit zugängliche Internet verfügbar sind. Informationen, die wir uns früher mühsam zusammengesucht haben, sind heute mit wenigen Klicks erhältlich, egal, ob man gerade im Bus sitzt, in einem fremden Land unterwegs ist oder die Bibliothek schon geschlossen hat. Vielleicht ist es Bequemlichkeit, aber auch Zeitnot und Aktualität, die Menschen dazu bringt, ihr Gedächtnis immer mehr auszulagern: Sie haben einfach nicht genug Zeit, um in die Bibliothek zu gehen, in Büchern nachzuschlagen, zu recherchieren und dann doch nicht sicher zu sein, die aktuellsten Informationen gefunden zu haben.

Erlebst du den Google-Effekt?

Google-Seite auf Computer - Frage Wie oft hast du Google schon befragt?

Nichtsdestotrotz kannst du dich selbst fragen, wie “abhängig” du von der digitalen Welt bist.
Oder anders gesagt, wie stark verlässt du dich auf dein Gedächtnis? Dass du dein Gehirn bzw. Gedächtnis bei der Suche von Informationen auf deinem Smartphone oder Laptop benutzt, steht außer Frage: in welcher App oder unter welchen Einstellungen finde ich etwas? Das ist der „Google-Effekt“ – zu wissen wo du etwas findest (nicht was).

Ich persönlich lagere mittlerweile auch viel aus meinem Gedächtnis aus, weil ich oft überwältigt bin von der Vielzahl an Informationen, die täglich „abgefragt“ werden und es leider wenig Konsistenz gibt. Ich habe ca. 160 verschiedene Zugangsdaten und entsprechend viele Passwörter. Da ich viele davon nicht täglich benutze geraten sie schnell in Vergessenheit. Deshalb bin ich sehr dankbar für die Erfindung von Passwortmanagern.

“Dein Gehirn kann mehr als Google bedienen”

Ich verteufele die Technik nicht. Es macht tatsächlich vieles einfacher und schneller. Gleichzeitig achte ich selbst darauf, mir wichtige Informationen in meinem Gedächtnis zu speichern, denn nicht immer steht mein Smartphone zur Verfügung sei es, weil der Akku alle ist oder weil ich es verloren habe, es mir gestohlen wurde oder ich es irgendwo vergessen habe. Und was dann?

Ich schaue mir oft auf analogen oder digitalen Karten die Gegend an bevor ich mich auf den Weg mache und versuche mich dann mit Landmarken zu orientieren. Es gibt mir oft mehr Sicherheit und trainiert meine räumliche Orientierung.

Ich gehöre auch zu den 60,5% der Europäer, die sich die Nummer ihres Partners merken können. Und wenn es einmal so weit sein sollte, dann auch die Telefonnummer meiner Kinder. Gleichzeitig möchte ich auch, dass sie meine Nummer parat haben ohne ihr Smartphone befragen zu müssen. Ein Telefon kann man schließlich immer irgendwie leihen, nur steht darin höchstwahrscheinlich nicht die Telefonnummer, die man gerade braucht.


Erste Hilfe gegen Digitale Amnesie

Was kannst du nun tun, um die digitale Amnesie zu verringern bzw. dein Gedächtnis zu verbessern?

  • Überlege dir, welche Informationen du dir (einfach mal) merken möchtest und warum. Das kann ein Rezept sein oder die Liste der Bundeskanzler oder eben Telefonnummern. Versuche dir, diese Informationen zu merken. Eselsbrücken und Gedächtnistechniken helfen dir dabei. Für das Merken von Nummern kannst du dir hier meine Tipps gratis herunterladen.
  • Digitale Entgiftung (Digital Detox): Schalte dein Smartphone für eine gewisse Zeit aus, genieße die Zeit mit dir, deinen Freunden oder deiner Familie und sei achtsam. Mehr Tipps dazu gibt es unter anderem hier.
  • Versuche Wissensfragen mal anhand deines Wissens und deiner Erfahrungen herzuleiten oder zumindest schon einmal einzuschränken. Auf diese Art machst du einen Wettbewerb mit dir selbst und wirst dir gleichzeitig das Ergebnis (das du dann nachgeschlagen hast) besser merken.
  • Spiel mal wieder! Gerne auch ein paar Gedächtnisspiele, zum Beispiel Memory, wobei es da auch verschiedene Varianten gibt.

Laut einer Umfrage fürchtet sich jeder Zweite dement zu werden. Wenn wir unser Gedächtnis nicht fit und aktiv halten, verlieren wir nicht nur Erinnerungen, sondern auch die Möglichkeit uns an neue Bedingungen anzupassen. Um mit dem technologischen Fortschritt mithalten zu können, müssen wir auch unser Gehirn trainieren.

Was dir noch gefallen könnte …

0 Kommentare

Einen Kommentar abschicken

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Einfach konzentrieren?

Einfach konzentrieren?

Ich sitze gerade im Zug und versuche einen Blogartikel zu schreiben. Gar nicht so einfach, wenn so...

Cookie Consent mit Real Cookie Banner