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Fotografisches und Gedächtnis

Kameralinse im Auge

06.09.2021

“Warte, ich weiß das. Das stand rechts unten auf der Seite in dem roten Kasten.” So oder so ähnlich klang es oft als mich meine Mama Lernstoff abgefragt hat.

Viele Menschen speichern unbewusst, wo in einem Buch oder Heft sie einen bestimmten Lernstoff gelesen haben und können über diese Erinnerung die Information abrufen. Dabei unterstützen optische Reize wie Formen (hier der Kasten) und Farben diesen Prozess.

Im Allgemeinen erinnern wir uns besser an das, was wir gesehen haben, als an das, was wir gehört haben. Und manche Menschen haben ein besseres visuelles Gedächtnis als andere. 

Dennoch kann hier nicht unbedingt von einem fotografischen Gedächtnis die Rede sein, denn bisher konnten keine Beweise gefunden werden, dass die Fähigkeit, sich mit besonders großer Genauigkeit an eine vergangene Szene zu erinnern (wie eben ein Foto), tatsächlich existiert.

Gute Bilder bleiben im Kopf

Dennoch haben Bilder ein enormes, wenn nicht sogar das größte Potential sich in unser Gedächtnis “einzubrennen”. Wenn wir mentale Bilder zum Lernen von Zahlen, Daten und Fakten nutzen wollen, gibt es eine paar Dinge auf die wir achten sollten.

Auch ein guter Fotograf knipst ja nicht einfach so drauf los, sondern arbeitet nach ein paar Regeln, damit das Bild richtig gut wird und das Gewünschte zum Ausdruck kommt.

Ein professioneller Fotograf/Fotografin braucht als Basis eine gute Kamera, lichtstarke Objektive, verschiedene Brennweiten und Lichtequipment. Damit kann er oder sie die Idee, die als Bild im Kopf entsteht anhand der Technik umsetzen. 

Beim gehirngerechten Lernen ist es ähnlich: Es soll ein Bild entstehen, das beeindruckend oder in diesem Fall “merk-würdig” ist. Anstatt der Kamera brauchen wir eine gute Vorstellungskraft oder Fantasie. 

Was haben Fotos und Merkbilder gemeinsam?

Im Austausch mit der Fotografin Melanie Heidler habe ich versucht herauszufinden, ob das Fotografieren und das Lernen mit Hilfe von Visualisierungen (Gedächtnistechniken) vergleichbar sind. 

Wann ist ein Bild gut?

Melanie: Wenn es spannend ist! Wenn man nach wenigen Sekunden aufhört, auf das Bild zu schauen oder darauf zu achten, ist es langweilig. Wenn im Bild Spannung erzeugt wurde, wird der Blick in verschiedene Richtungen gelenkt und man verweilt mit dem Blick länger darin. Man liest ja ein Bild so, wie ein Buch – also von links oben nach rechts unten (zumindest bei uns im Westen).

Wenn also z.B. eine Diagonale von links oben nach unten durchs Bild geht, beschleunigt das den Blick und man ist relativ schnell durch mit dem Bild. Ist am Ende der Diagonale z.B. aber dann noch ein roter Punkt, hält das den Blick wieder auf.

Natürlich spielt auch das Motiv selbst eine Rolle. Wer Pferde mag, schaut bei einem Bild mit Pferd länger hin. Die Regeln der Gestaltung wirken ja eher unbewusst im Hintergrund und geschehen innerhalb von Sekundenbruchteilen. 

Susan: Im Gedächtnistraining ist ein Bild dann gut, wenn es “merk-würdig” und damit unvergesslich wird. So ein Bild sollte den “Maler” am besten zum Lachen bringen. Auch andere emotionale Reaktionen auf das Bild bewirken, dass das Gedächtnis es als interessant einstuft, wodurch die Wahrscheinlichkeit erhöht wird, dass es länger im Gedächtnis abgespeichert wird. 

Wie wird diese Spannung in einem Foto bzw. Bild erzeugt? 

Melanie: Egal ob du eine Kamera oder ein Handy benutzt, es kommt auf die Mischung in deinem Bild an: Ein gutes Foto ist immer eine Mischung aus Licht/Schatten, Farben/Formen und dem richtigen Blickwinkel/Perspektive womit dann Spannung für den Betrachter erzeugt wird.

Susan: Auch bei mentalen Bildern ist es wichtig, eine gute Mischung herzustellen. Diese Mischung entsteht, wenn wir Sinneseindrücke, Emotionen und Farben einsetzen. So ist der Elefant eben nicht grau, sondern rosa, er riecht wie Zuckerwatte und ist genauso leicht. 

Welche Hilfsmittel werden in der Fotografie außerdem eingesetzt?

Melanie: Natürlich gibt es noch tausend andere Dinge, die man an Technik, Filtern etc. als Fotograf kaufen und nutzen kann. Aber im Grunde geht es ums „Ablichten des Bildes im Kopf“ – der eine nimmt mehr Hilfsmittel dazu als der andere. 

Susan: Die Filter des Gedächtnistrainings kann man hauptsächlich als Verstärker von Effekten verstehen: Das gibt es den Farbfilter, der ungewöhnliche Farben entstehen lässt oder den Größenfilter, der aus einer Mücke einen Elefanten macht.

Der Eigenschaftsfilter verändert Zustände und Funktionsweisen. Außerdem kann man den Stil des Bildes ändern oder einen bestimmten Effekt erzeugen. Ein typisches Beispiel ist hier der Comic: das mentale Bild ist kein reales Bild sondern eher eine Abfolge von Zeichnungen. 

Worauf achtest du besonders, wenn du ein Bild machst?

Melanie: Einem Kunden z.B. würde das meist nicht reichen, der hätte das gerne cleaner und dokumentarischer abgedeckt. Für einen Kunden ist ein Fotograf halt ein Dienstleister und kein Künstler.

Privat mache ich auch viel weniger Fotos, da brauche ich keine Masse an Fotos, sondern nur die emotionalen und spannenden Fotos. 

Hochzeitspaar küssend vor rotem Mustang

Bei Reportagefotografie achte ich einfach auf schöne Momente. Man versucht dann gerade mit anderen Perspektiven und Blickwinkeln, kleine Situationen möglichst unbeobachtet und besonders darzustellen.

Bei einem Auftrag ist es immer eine Mischung aus dem, was einem persönlich ins Auge springt und dem, was der Kunde erwartet. Ich achte darauf, dass es vielseitige Motive gibt, dass die Qualität stimmt und das die Geschichte komplett ist.

Und diese Punkte versucht man dann möglichst qualitativ, kreativ und spannend einzufangen (Mithilfe von Unschärfe, Perspektive, Bildaufteilung etc.)

Wenn es sich um einen Studio-/Portraitauftrag handelt, achte ich vorrangig auf Pose und Licht und Bildaufteilung. Und natürlich, dass mein Kunde/meine Kundin möglichst „vorteilhaft“ dargestellt wird.

Ich stelle gerne die Persönlichkeit dar, versuche ein authentisches Lachen einzufangen, natürliche Posen, etc… Hier achte ich natürlich aber auch darauf, dass es die Wünsche der Kunden widerspiegelt. 

Susan: Merkbilder müssen ungewöhnlich sein, sprich alles andere als normal – anders als das, was man sowieso auf der Straße sieht oder erlebt. Da ist eben im Schaumkuss ein Kaugummi oder am Baum hängen lauter Flaschen mit Hackfleisch drin.

Zusätzlich baue ich Emotionen und/oder Sinne ein (Flaschen klimpern, wenn sie durch den Wind immer wieder aneinanderstoßen). Mit Übertreibungen oder auch Miniaturen wird der Merkeffekt noch viel größer. Wenn ich oder meine Kunden während der Entstehung solcher Bilder lache, dann ist es meist ein gutes Bild.

Kind im Karton mit roten Luftballons fliegend

Wieviel Individualität steckt in deinen Bildern?

Melanie: Als Profi-Fotograf kann ich mich nicht immer so super kreativ ausleben, wie ich gerne möchte. Im besten Fall kann ich die Wünsche meines Kunden mit meinen kreativen Vorstellungen kombinieren.

Wenn die Kunden offen sind und schon genug Alternativen geschaffen wurden, kann man aber auch immer mal wieder was ganz anderes ausprobieren. Das bereitet mir dann viel Freude.  

Susan: Jedes mentale Bild ist individuell. Es ist für einen Außenstehenden meist nicht nachvollziehbar, denn diese Bilder existieren nicht ohne eine Assoziation zu schon vorhandenem Wissen.

Jeder assoziiert mit einer bestimmten Information etwas anderes: manche denken bei Berlin an das Brandenburger Tor, andere an die Mauer. Das garantiert Genauigkeit in der “Übersetzung” des mentalen Bildes – ganz im Gegensatz zu manch klassischer Eselsbrücke. Gleichzeitig wird die Anzahl an Merkbildern unendlich und kann auf jedes Wissen angewendet werden.


Apropos: Gibt es Merksprüche oder Eselsbrücken in der Fotografie?

Melanie: Mir fallen nur zwei ein: “Wenn die Sonne lacht, nimm Blende 8” und “Bei Mensch und Tier, nimm Blende 4”

Würdest du von dir behaupten, dass du ein gutes Bilder-Gedächtnis hast?

Melanie: Auf jeden Fall! Das war beim Lernen in der Schule schon ganz wichtig für mich. Ich habe mir immer alles gut sortiert zusammengefasst und optisch gestaltet. Bei meiner Arbeit ist es aber genau so wichtig.

Wenn ich einen Kunden, der für ein Passfoto bei mir war, danach z.B. auf einer Hochzeit treffe, weiß ich genau, dass ich ihn schon mal fotografiert habe. Ich muss auch selten nach dem Namen fragen, wenn ein Kunde seinen Auftrag abholt.

Susan: Sagen wir so, ich habe eine hohe Aufmerksamkeit und habe das Gefühl, ich mache ständig unbewusst Fotos von meiner Umgebung – ohne Kamera. Deshalb weiß ich dann tatsächlich, wo der Pullover meines Mannes liegt oder die Uhr meines Sohnes.

Wenn ich mir etwas merken möchte, dann wandele ich die Information tatsächlich in mentale Bilder um. Dann fällt es mir viel leichter, mich daran zu erinnern. Das geht schon mit so etwas banalem wie einer Einkaufsliste oder der Telefonnummer meines Mannes.

Und in diesem Zusammenhang habe ich ein gutes Bilder-Gedächtnis, denn diese komischen Bilder bleiben einfach in meinem Gedächtnis kleben.

Umso wertvoller sind solche Techniken für Schüler, die sich ja noch mehr als eine Einkaufsliste merken sollen. 

Muss man ein gutes Foto immer auch gut planen?

Melanie: Ein gutes Bild kann spontan entstehen, indem man genau das im Bild festhält, was man mit dem Auge erfasst hat.

Susan: Ein gutes mentales Bild entsteht oft ohne viel Nachzudenken. Das wird dann leichter, wenn man etwas mehr Erfahrung hat. Die kommt mit der Wiederholung.

Fotografieren und das Kreieren mentaler Bilder sind also nicht so weit voneinander entfernt. Merkbilder halten wie Fotos Erinnerungen fest. Mach doch mal ein ungewöhnliches Bild – entweder mit der Kamera oder mit deiner Vorstellungskraft.

Schwangerenbauch von unten verdeckt teilweise Mutter, Vater und Kind

Wenn du ein professionelles Foto von dir oder deinen Lieben haben möchtest, dann schau bei Melanie vorbei, wenn du in der Nähe bist (Infos siehe Kasten).


Wenn du allerdings lernen möchtest, Merkbilder und damit unendlich viele Eselsbrücken zu bauen, dann buch dir doch ganz unverbindlich ein kostenloses Strategiegespräch bei mir: Welches „Merkproblem“ möchtest du gerne lösen?

Oder du lädst dir hier meine Anleitung herunter: Wie Visualisieren gelingt.

Egal ob Fotografieren oder Gedächtnistraining, du solltest Spaß dabei haben und neugierig sein. Manchmal hilft schon das Ändern des Blickwinkels und du erhältst ein einmaliges Bild. Hab ein bißchen Mut.

Melanie Heidler in ihrem Fotostudio

Melanie Heidler
ist seit 15 Jahren leidenschaftliche Fotografin und hält besondere und auch einfach mal alltägliche Momente in Bildern fest. Sie ist Inhaberin des Fotostudios Matt und Glanz Fotografie in Erzhausen.

Melanie liebt Dinge mit Geschichte: Vom vererbten Porzellan bis hin zum Sperrmüll-Möbel sind bei ihr zu Hause viele Jahrzehnte oder Jahrhunderte integriert.

Moderne Technik findet sie toll, moderne Kunst dagegen nicht. Natürlich dürfen auch ihre eigenen Bilder besonders sein: Für ihre eigenen Hochzeitsbilder ist sie sogar nach Venedig geflogen.

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Ich sitze gerade im Zug und versuche einen Blogartikel zu schreiben. Gar nicht so einfach, wenn so...

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